Zafolo ([info]zafolo) wrote in [info]poly_german,
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Einvernehmen und Konfrontation

Neulich ging ich an einem Samstagabend durch eines der interessanteren Viertel der Stadt,
und traf einen Bekannten, den ich hier und da mal treffe, unter anderm weil er
auch an offenen Beziehungsformen interessiert ist. Das hat mich gefreut, und wir haben
eine Weile gequatscht, und irgendwann meinte er dann, daß er hin und wieder in diesem
Journal hier lese (was mich natürlich noch mehr gefreut hat). So diskutierten wir ein wenig über
Beziehungskonzepte, und er meinte und daß ihm aufgefallen wäre, daß wenn über
Polyamorie geschrieben würde, Einvernehmlichkeit einen beinahe religiösen Stellenwert
bekommen würde. Aber er hätte halt oft mit Frauen zu tun, die was anderes
wollten als er.

Hm, ich finde, da hat er einen ganz guten Punkt getroffen, ich habe eine Weile
darüber nachgedacht.

Polyamorie wird ja häufig definiert als das einvernehmiche und ehrliche Führen
mehrerer Beziehung. Das Gute an Definitionen ist, daß sie helfen können, klar
zu kriegen, worüber man redet (also, wir reden hier nicht übers Fremdgehen).
Schlecht ist es, wenn sich Elemente einer Definition verabsolutieren, oder auch
Werte wie Ehrlichkeit. Irgendein Verwandter aus dem Kreis meiner Familie
väterlicherseits hat mal in den 30er Jahren Leute versteckt, denen die Nazis
nicht grün waren. Damit hat er sich bestimmt nicht ehrlich verhalten, wohl
aber mutig, und ich finde es gut, daß er das so gemacht hat. Letztlich sind also
diese Tugenden Mittel zum Zweck, und das gilt es wohl, im Auge zu behalten.

Was aber heißt Einvernehmichkeit?

Ich glaube, am einfachsten ist es, damit zu beginnen, was Einvernehmlichkeit
nicht ist. Für mich schließt sie ganz klar jede Anwendung von Gewalt aus,
wie auch Zwang und Drohungen. Ich würde kaum eine Beziehung als
polyamor bezeichnen, in der ein Mann eine Frau mit einem wenige Monate
alten Kind vor die Alternative stellt, entweder weitere Beziehungen zu akzeptieren,
oder auf jede Unterstützung verzichten zu müssen, weil damit für die Partnerin
eine Zwangslage geschaffen wird. Weiter setzt Einvernehmlichkeit voraus,
daß auf Lüge und Manipulation verzichtet wird - wenn jemand von einer
anderen Beziehung nichts weiß, hat er schlicht nicht die Wahl, dem
zuzustimmen, und ich weiß nicht warum dass besser sein soll, als jemand
dazu zu zwingen, so etwas zu akzeptieren. In beiden Fällen wird der andere
in seinen Möglichkeiten eingeschränkt, anhand der Realitäten selbst über sein
Leben zu entscheiden. Das Gleiche gilt für Manipulation, zum Beispiel das
Unterschlagen relevanter Tatsachen. Zum Beispiel kann A. als Partnerin von
B. durchaus damit einverstanden sein, daß B. eine Beziehung mit C.
anfängt, aber womöglich sähe das anders aus, wenn sie wüßte, daß
C. möglicht bald Kinder haben möchte und deswegen nicht verhütet.

Zusammenfassen kann man das alles wohl so, daß die Selbstbestimmung
der Beteiligten gewahrt werden soll.

Aber, und da gebe ich meinem Bekannten Recht, das heißt nun nicht, daß
immer Friede, Freude, und Eierkuchen zu herrschen haben. Vielmehr ist
es normal, daß Leute mal nicht das Gleiche wollen, und nicht einer Meinung sind,
sondern es auch mal Konflikte unter erwachsenen Leuten gibt, die
irgendwie gelöst werden müssen. Und wenn ich drüber nachdenke, geht
mir nicht so ein, warum "Monos" eine Art eingebaute Vorfahrt haben
sollten, daß also eine Beziehung automatisch eine Monobeziehung ist, wenn
einer der Beteiligten das nicht möchte. Für mich ist das keine
theoretische Frage, wil ich ja seit einer ganzen Weile eine ziemlich
enge Freundschaft zu einer Frau habe, die von poly nicht so
überzeugt ist - andererseits auch bisher nicht weggegangen ist, und,
wie sie sagt, auch nicht wollen würde, daß ich mich verbiege. Was diese
Freundschaft von einer Beziehung unterscheidet, weiß ich auch nicht
immer so genau, abgesehen davon, daß wir keine formale Verbindlichkeit
ausgemacht haben.

Ich selber befinde mich da momentan in einem gewissen Lernprozeß, mir
wird derzeit an mehreren Stellen von Zeit zu Zeit klar, daß ich bisher
viel mehr Dinge hingenommen habe, als ich hinzunehmen brauchte. Harmonie
ist gut und schön, aber was ist, wenn z.B. ein Praktikant in seinem Büro
sitzt und ein Vorgesetzter rein kommt und sich ohne zu fragen die
Schokolade greift, die auf dem Tisch liegt, und anfängt die zu essen? Dann
ist  Harmonie nicht mehr gut und schön und richtig, sondern es ist
gefragt, sich selbst zu behaupten, und für die Dinge einzustehen, die einem
wichtig sind. Und ganz besonders gilt das, so denke ich, für enge
Beziehungen, denn wenn es so aussieht, daß einer letztlich nicht wirklich
einverstanden ist, sondern insgeheim mit den Zähnen knirscht, kann es keine
gute Beziehung geben.

Natürlich führt das erst einmal zu Konflikten, mit Harmonie und Eierkuchen ist dann
erst einmal nichts. Und Konflikte, so ist das halt, finden nicht alle Leute schön,
die meisten scheuen sie eher. Dabei sind sie eigentlich nichts schlimmes, solang
mensch ein paar zivilisatorische Grundregeln einhält und sich nicht deswegen
den Schädel einschlägt. Vorwürfe helfen auch in der Regel nichts, und
es bringt auch nicht unbedingt etwas, Konflikte gegen den andern gewinnen
zu wollen. Das heißt aber wieder nicht, daß es nicht in Ordnung wäre,
zu sagen, wie man Sachen sieht, und was man möchte.
- Wieso gibt es dabei etwas zu gewinnen?

Jeder hat seine schwachen Punkte, seine blinden Stellen, die Punkte wo
er nicht sonderlich konsequent und sogar widersprüchlich ist. Konflikte
einzugehen bedeutet: Konfrontation, und Konfrontation (ohne gewinnen
zu wollen, ohne die einzige Wahrheit zu haben, ohne dem andern den
Schädel einzuhauen) ermöglicht Entwicklung. Speziell und besonders da,
wo der andere sich um den einen oder andern Punkt gern ein bißchen drückt.
Sie bedeutet, den andern mit einem Stück Realität zu konfrontieren,
entweder inneren Realitäten (ich fühle mich so und so, ich brauche das und
das, ich wünsche mir dieses), oder auch mit äußeren Realitäten (äh, ich
glaube, Du hast da etwas übersehen....). Vielleicht ist es dieser Aspekt
der Konfrontation, der am meisten Entwicklungsmöglichkeiten birgt.

Ja, das kann auch bedeuten: In einer geschlossenen Beziehung geht es mir nicht
gut, und ich glaube, eine offene Beziehung ist besser für mich.
Oder: Wenn wir bloß alle neun Wochen mal Zeit haben, etwas zusammen
zu unternehmen, fällt es mir schwer zu glauben, daß die Bezeiehung für
dich besondere Wichtigkeit hat. Und wer weiß? Vielleicht ist dem
andern gar nicht bewußt, daß die Beziehung darunter leidet.

Das Ganze hat auch ein Risiko: Konfilkt und Konfrontation könnten
zu dem Schluß führen, daß es kein Einvernehmen gibt, Bedürfnisse
sich nicht vereinbaren lassen. Dann müßte man akzeptieren, daß es
keine Beziehung gibt, zumindest nicht das, was man sich gewünscht
hat. Auch das passiert.

Wie ich aber für mich miterlebe, werden Beziehungen durch das
Eingehen von Konflikten unter Umständen erheblich besser, Gut,
manche überstehen das nicht oder bleiben einfach wie sie sind,
aber sofern man nicht Konfilkte um Unwesentliches führt,
hat man dann auch nichts verloren.

Eigentlich komme ich da wieder zum Ausgangspunkt zurück: Es ist wesentlich,
daß Beziehungen die Selbstbestimmung der Einzelnen respektieren. Und um so
mehr das gelingt, desto mehr gibt es eine Chance zu wirklicher Harmonie,
will heißen: Der Eierkuchen schmeckt am Ende besser.

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[info]try_to_fly

March 30 2008, 00:30:33 UTC 4 years ago

ich denke, dass die grundmessage auch für monogame beziehungen zutrifft. letztlich ist gespielte (und übertriebene) harmonie nie förderlich.
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